Weltwirtschaft 2015 im Spannungsfeld 

In den nächsten zwölf Monaten dürfte sich die Weltwirtschaft im Spannungsfeld zwischen moderatem Aufschwung und US-Zinsängsten bewegen. Neben weiteren geopolitischen Risiken sieht Metzler-Chefvolkswirt Edgar Walk aber auch Chancen für die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft.

Zwei Szenarien für die Entwicklung der Weltwirtschaft

Ausgangspunkt für die Prognosen für 2015 ist laut Edgar Walk der deutlich gefallene Wachstumstrend in den entwickelten Volkswirtschaften seit Ausbruch der Finanzmarktkrise: „Das zurückgehende Trendwachstum ist interessanterweise keine Folge einer gesamtwirtschaftlichen Nachfrageschwäche à la Keynes, sondern eines nur noch gering wachsenden gesamtwirtschaftlichen Angebots.“

Im Basisszenario geht Walk davon aus, dass sich die Lohndynamik in den USA leicht beleben wird. Ein Umfeld mit moderatem US-Wirtschaftswachstum, moderater Inflation bei einer gleichzeitig hohen Staatsverschuldung und hohen geopolitischen Risiken werde die US-Notenbank nur äußerst vorsichtig agieren lassen, sodass die Fed den Leitzins bis Ende 2015 allenfalls auf 0,5 % anheben werde. Im Gegensatz dazu erwartet Walk, dass die Europäische Zentralbank (EZB) und die Bank von Japan mithilfe von Wertpapierkäufen weiterhin Liquidität in die Finanzmärkte pumpen – die EZB könne ihre Wertpapierkäufe im ersten Quartal sogar auf Staatsanleihen ausweiten. Walk schätzt die Eintrittswahrscheinlichkeit des Basisszenarios auf 60 %.

Im Risikoszenario mit einer geschätzten Eintrittswahrscheinlichkeit von 40 % postuliert Walk, dass sich aufgrund der immer angespannteren Arbeitsmarktsituation die Lohn- und Inflationsdynamik in den USA plötzlich beschleunigen wird. In diesem Fall müsse die US-Notenbank den Leitzins wahrscheinlich im Jahresverlauf auf über 2 % anheben, um die unerwartet schnell steigende Inflation wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Darüber hinaus warnt Walk vor weiteren Risiken für die Entwicklung der Weltwirtschaft im Jahr 2015 – geopolitische Risiken, deren Folgen im Voraus kaum abschätzbar seien und das Erstarken radikaler Parteien im Euro-Währungsraum. Doch er sieht auch Chancen: „Die signifikant sinkenden Energiepreise können einen weltweit überraschend kräftigen Konjunkturaufschwung ermöglichen und es Ländern wie Italien und Frankreich erleichtern, die dringend notwendigen Strukturreformen umzusetzen.“

Aktienmärkte im Bann der US-Zinspolitik

Trotz historisch niedriger Zinsen liege die Bewertung der internationalen Aktienmärkte – mit Ausnahme des US-amerikanischen – laut Walk derzeit im Rahmen des historischen Durchschnitts. Der US-Aktienmarkt sei im Jahr 2015 erheblich von einer deutlichen Überbewertung belastet, auch die Trendwende der US-Geldpolitik treffe US-amerikanische Aktien, die bisher von der üppigen Zentralbankliquidität unterstützt worden seien. Im Gegensatz dazu werden europäische Aktien durch die zu erwartenden weiteren Liquiditätsschritte der EZB eine nicht zu vernachlässigende Unterstützung bekommen, prognostiziert Walk. So sieht er im Basisszenario – moderates Wachstum der Weltwirtschaft, geringe Inflation und niedrige Zinsen – Chancen für zweistellige Wertzuwächse europäischer Aktien 2015; darüber hinaus könnten Small Caps in puncto Wertentwicklung wieder mit den Large Caps gleichzuziehen.

Quelle: Bankhaus Metzler, 15.01.2015