Risiko-Studie: Anleger verhalten sich wie Kinder 

Eine aktuelle Analyse aus dem Bereich der verhaltensökonomischen Finanzforschung belegt, dass Investoren das Risiko der Anlage von vielen Faktoren abhängig machen, nur nicht vom objektiven Risiko – Zinssätze und Kursbewertungen sind Indikatoren für das mögliche Risiko.

Anleger sollten sich nicht durch die Kursschwankungen bei Aktien verunsichern lassen, sondern sich mehr mit der Stärke der Volatilität und der Unternehmensbewertung vertraut machen, meint Guido vom Schemm, Geschäftsführer der Merito Asset Management GmbH. Ihm zufolge gelte für Sparer folgendes: Zinssätze sind das Thermostat für das Risiko. Dies traf auch auf mit Blick auf die zusammengebrochene Kaupthing-Bank zu, die 2008 ihre Tagesgeldzinsen auf astronomische 5,65 Prozent in die Höhe geschraubt hatte. Ein seriöser Anleger und Sparer hätte um die Gefahr gewusst, denn eine Bank hat nichts zu verschenken. Also Vorsicht beim Sparen – Tagesgeld ist nicht gleich Tagesgeld, mahnt Schemm.

Wie schnell die Risikohemmschwelle durch Erfolgserlebnisse sinkt, zeigt sich beispielsweise bei Kindern, die erstmals Skifahren. Sie wissen gar nicht, welche Gefahren auf und neben der Piste lauern und wie schmerzvoll ein Unglück sein kann. Besonders wenn die Kinder den ersten Hügel gemeistert haben, wollen sie direkt noch mal fahren – aber einen gefährlicheren Hügel bitte schön.

Studie zeigt: Wagnisbereitschaft steigt mit Erfolgen
Leider verhalten sich Erwachsene bei der Suche nach einer guten Anlagemöglichkeit genauso, meint Schemm. Hierzu haben zwei Ökonomen circa 1000 Anleger ein Jahr lang kontinuierlich nach ihren ganz persönlichen Risikoempfinden gefragt. Die Maastrichter Forscher legten den Probanden eine Skala vor, an derer die Anleger das Risiko eines aktuellen Börseninvestments im folgenden Monat bewerteten. Simultan erhielten die Forscher Einblicke in die Aktiendepots der Anleger über einen Online-Broker. Durchschnittlich investierte jeder Anleger 50.000 Euro, keiner war weder blutiger Anfänger noch Investmentprofi.

Im nächsten Schritt wurde analysiert, wie die persönlichen Börsenerfahrungen den Mut oder die Angst der Investoren manipulierte. Es kristallisierte sich ein klares Muster heraus: Je erfolgreicher der Anleger in der jüngsten Vergangenheit war, desto geringer wurde sein Risikoempfinden und objektiv waghalsige Deals wurden immer wahrscheinlicher. Das tatsächliche Risiko, quantifiziert anhand der Volatilität oder Value-at-Risk, hat dagegen überhaupt keinen Einfluss auf die persönliche Risikobereitschaft.

Rendite gut, alles sicher?
„Dies ist ein sehr naives Denkmuster, welches uns häufig verleitet“, kommentiert Merito AM-Geschäftsführer Schemm. Richtig sei aber, dass die Rendite eine Kompensation für das eingegangene Risiko ist, denn die Wahrscheinlichkeit von Verlusten steigt entsprechend mit der Rendite. Kurzfristige Erfolge werden zum Rauschmittel und vernebeln alle anderen Gedanken. Vergangene Trends werden blindlings in die Zukunft projiziert, dies ist natürlich einfacher und bequemer statt sich mit Alternativszenarien auseinanderzusetzen.

Unwissenheit fördert Rauschgefühl
Verstärkt wird dieses Phänomen durch den begrenzten Erfahrungsschatz der Anleger. Eine Studie von Schweizer Forschern belegt dies: Sie baten 500 zufällig selektierte Kleinanleger, Ihre Einschätzung über 20 Anlageklassen abzugeben, darunter Gold, Aktien und Immobilien. Das Ergebnis bestätigte die These der Forscher: Die Anlageklassen, mit denen sich die Probanden nach eigener Aussage am besten auskannten, wurde als die risikoärmste definiert. „Investoren leiden an einer gewissen Selbstüberschätzung, aus dem vorhandenen Halbwissen werden dann teilweise falsche Grundsätze abgeleitet – Immobilien sind sicher, Börse ist Glücksspiel“ fasst Guido vom Schemm zusammen.

Quelle: 29.08.2012, Fonds professionell