Professoren weisen Ratingagenturen Willkür nach 

Ihre Ergebnisse geben die Ratingagenturen gerne preis, bei den Bewertungskriterien hingegen halten sie sich lieber bedeckt. Nun scheinen zwei Professoren von der Universität St. Gallen herausgefunden zu haben warum. Sie rechneten nach – und konnten Moody’s, Fitch & Co. Willkür nachweisen

Die These ist nicht neu: Die Ratingagenturen urteilen willkürlich und stürzen damit ganze Staaten in die Insolvenz. Nun haben Manfred Gärtner und Björn Griesbach, Professoren von der Universität St. Gallen einen wissenschaftlichen Beweis für diese Vermutung erbracht. Die Analysehäuser bewerten europäische Krisenländer neuerdings nach ganz anderen Maßstäben als früher, so das Ergebnis ihrer empirischen Studie.

Die beiden Professoren analysierten zunächst, wie sich zwischen 1999 und 2011 die Veränderung unterschiedlicher volkswirtschaftlicher Kennzahlen wie Wirtschaftswachstum, Pro-Kopf-BIP, Haushaltsüberschuss, Verschuldungsgrad und Inflation auf das Rating eines Staates ausgewirkt hatte. Diese Berechnungen führten sie bei 16 der insgesamt 25 OECD-Staaten durch.

Nachdem sie den Beitrag ermittelten, den jede einzelne Kennzahl zum Rating beiträgt, erstellten sie eine Formel zur Ratingberechnung. Diese Formel wandten sie dann auf die PIGS-Staaten in den Jahren 2008 bis 2011 an – und kamen zu ganz anderen Ergebnissen als die Ratingagenturen.

Nach ursprünglichen Maßstäben hätte Griechenland nur 0,14 Klassen verloren

So hätte Spanien um eine halbe Klasse herabgestuft werden müssen. Tatsächlich verlor das Land aber drei Klassen. Irland hätte eineinhalb Ratingstufen verlieren müssen, wurde aber um sieben Klassen herabgestuft. Bei Portugal war der Verlust einer halbe Klasse gerechtfertigt. Es verlor tatsächlich aber acht Klassen. Selbst Griechenlands Rating hätte sich aufgrund objektiver Wirtschaftsindikatoren in dieser Zeit nur um 0,14 verschlechtern dürfen. Tatsächlich sackte es aber um zwölf Klassen ab, von A auf CCC. „Die Herabstufungen können nicht durch Verschlechterungen der Wirtschaftslage und der Staatsfinanzen begründet werden“, so die Schlussfolgerung der Forscher.

„Natürlich könnten Ratingagenturen gute Gründe für ihre Bewertungsergebnisse haben“, erklärte Gärtner gegenüber DAS INVESTMENT.com. Aus statistischer Sicht seien diese Bewertungen jedoch rein willkürlich.

Schlechtes Gleichgewicht führt zu Insolvenz

Dabei haben negative Einschätzungen der Ratingagenturen laut der Studie einen noch größeren Einfluss auf die finanzwirtschaftliche Situation der Krisenstaaten als bisher angenommen. Die Professoren begründen das mit einer Gleichgewicht-Theorie, die sie in ihrer Studie ebenfalls beweisen konnten.

Im Markt für Staatsanleihen existieren mehrere Gleichgewichte, so die Theorie. Das erste, gute Gleichgewicht bringt tiefe Zinsen und gute Ratings. Im zweiten, schlechten Gleichgewicht werden Zinsen unbezahlbar, die Ratings kollabieren, das Land wird insolvent. Dazwischen liegt ein eine Insolvenzschwelle. Wird ein Land über diese Schwelle geschoben, setzt ein Sog in Richtung Insolvenz ein, aus dem es sich selbst nicht mehr befreien kann.

Die Insolvenzschwellen liegen dabei sehr hoch. Länder mit einem Rating von A oder schlechter sind in höchstem Masse gefährdet. Bereits geringste negative Zins- oder Ratingsignale, auch wenn diese unbegründet sind, können solche Länder in den Insolvenzstrudel stoßen. Aber auch Länder mit Spitzenratings können nicht völlig sicher sein. Selbst ein Land mit einem AAA Rating kann eine versehentliche oder missbräuchliche Herabstufung um vier Stufen, also von AAA auf A+, in höchste Schwierigkeiten bringen.

Quelle: Das Investment, 26.07.2012