Italien ein Euro-Musterland? 

Deutschland hat nach wie vor eine hohe implizite Verschuldung, konnte sie in den letzten Jahren aber reduzieren. Jetzt könnte sich das Blatt ändern, sagt Martin Hüfner, volkswirtschaftlicher Berater von direktanlage.at und Chefvolkswirt von Assenagon. Aber auch sonst sorgt ein Blick auf die implizite Verschuldung der Europäischen Währungsunion für Überraschungen. Lesen Sie nachfolgend den Originalkommentar des Ökonomen:

Jeder weiß, dass es neben der offiziellen Staatsverschuldung auch noch eine implizite Verschuldung gibt. Das sind die Leistungsversprechen der öffentlichen Hand, die nicht durch entsprechende Einnahmen gedeckt sind. Dazu gehören neben den Beamtenpensionen zum Beispiel auch die Zuschüsse zur Rentenversicherung sowie die Deckungslücken bei der Pflege- und Krankenversicherung. In Deutschland wird die implizite Verschuldung seit vielen Jahren von dem bekannten Freiburger Professor Dr. Bernd Raffelhüschen berechnet. Vor kurzem hat er eine Aktualisierung seiner Zahlen vorgelegt. Sie enthält eine Reihe von Erkenntnissen, die auch mir bisher nicht so bewusst waren. Hier ein paar Highlights.

Zu Deutschland: Die implizite Staatsverschuldung beläuft sich auf 2,7 Billionen Euro. Addiert zu der offiziellen Verschuldung der öffentlichen Hand ergibt sich ein angsterregender Betrag von 4,8 Billionen Euro. Das sind knapp 60.000 Euro pro Person in Deutschland. Eine vierköpfige Familie könnte sich damit leicht ein Einfamilienhaus finanzieren.

Aber (und das ist neu): Im Gegensatz zur expliziten Verschuldung, die in den letzten Jahren stark angestiegen ist, geht die implizite Verschuldung spürbar zurück. 2004 lag sie noch bei über sechs Billionen Euro, jetzt bei den erwähnten 2,7 Billionen Euro. Der Anteil am Bruttoinlandsprodukt betrug damals 288 Prozent, heute „nur“ noch 109 Prozent. Das geschah, obwohl die Zinsen in dieser Zeit deutlich gesunken sind, der Barwert künftiger Verpflichtungen also gestiegen ist. Entscheidend für die Verbesserung ist einmal das höhere Wachstum, zum anderen sind es politische Eingriffe in das System der sozialen Sicherung, unter anderem im Zusammenhang mit der Agenda 2010.

Freilich sollte man sich nicht zu früh freuen. Denn mit dieser Verbesserung könnte es bald zu Ende sein. Die Politik ist derzeit dabei, in der Sozialpolitik wieder auf Expansion zu schalten (Betreuungsgeld, Senkung der Rentenbeiträge, Verringerung der Überschüsse in der Krankenversicherung etc.). Zudem verschlechtert sich die Konjunktur. Wir müssen uns also künftig wieder auf eine höhere implizite Verschuldung in Deutschland einstellen.

Zu Italien: Der Markt beklagt hier immer die hohe offizielle Verschuldung (118 Prozent des BIP, fast doppelt so viel wie das Maastricht-Kriterium). Das ist in der Tat bedrohlich. Was der Markt aber nicht sieht ist, dass die implizite Verschuldung in Italien niedriger ist als in jedem anderen größeren Industrieland (gerade mal 28 Prozent des Bruttoinlandsprodukts). Explizite und implizite Verschuldung zusammengenommen liegt Italien auf dem besten Platz in der Währungsunion (siehe Grafik). Und das, obwohl das Land vor genau so widrigen demografischen Herausforderungen steht wie Deutschland. Die Reformpolitik der Italiener auf diesem Gebiet (schon vor Monti) zahlt sich aus.

Staatsschulden im Vergleich

Zu Spanien: Jeder redet über die Probleme der Banken und des Häusermarkts in dem Land. Spanien hat darüber hinaus aber auch ein riesiges Problem bei der Sozialpolitik. Die implizite Verschuldung liegt bei 487 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das ist fast 20-mal so viel wie in Italien und fast fünfmal so viel wie in Deutschland. Hier sind noch gewaltige Reformen nötig.

Zu Griechenland: Das Land hat eine implizite Verschuldung von 872 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das heißt: Alle Maßnahmen zur Reduzierung der offiziellen Schulden, über die heute geredet wird, sind Kleinigkeiten gemessen an dem, was dem Land bei der Sanierung der Sozialsysteme bevorsteht. Wenn heute viel davon gesprochen wird, dass Athen aus dem Euro austreten müsste, um abwerten zu können und wieder wettbewerbsfähig zu werden – für das Problem der impliziten Verschuldung wird das kaum helfen.

Zu Luxemburg: Das Land spielt in der Schuldenkrise keine Rolle. Es wird immer wieder gelobt wegen seiner guten makroökonomischen Bilanz (höchstes Pro-Kopf-Einkommen, geringe Arbeitslosigkeit, gutes Wirtschaftswachstum). Das hat die Regierung in den letzten Jahren aber leider dazu verleitet, außerordentlich großzügige Leistungsversprechen an die Bevölkerung zu geben. Die implizite Verschuldung Luxemburgs liegt nach den Berechnungen von Raffelhüschen bei unglaublichen 1.096 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das ist noch mehr als in Griechenland. Es ist absehbar, dass es hier Probleme geben wird.

Zu den USA: Auch in einem Land, das sehr sparsam mit der Sozialpolitik umgeht, gibt es eine implizite Verschuldung. Es gibt nicht nur wenige Sozialleistungen, sie sind auch nicht ordentlich finanziert. Die implizite Verschuldung liegt um 50 Prozent höher als in Deutschland (170 Prozent des BIP). Hier ist also noch viel Reformbedarf. In Großbritannien ist die implizite Verschuldung fast so hoch wie in Spanien (467 Prozent des BIP).

Für den Anleger

Die hohe implizite Verschuldung zeigt, dass die Lage der öffentlichen Finanzen in den Industrieländern noch schlimmer ist, als es die offiziellen Zahlen zeigen. Andererseits sieht man an den Zahlen aber auch, dass Sozialleistungen abgebaut beziehungsweise solider finanziert werden können, selbst in Ländern wie Italien. Wichtig ist aber auch, dass die Meinung des Marktes zu einzelnen Ländern nicht überall mit den Fakten übereinstimmt. Zwischen Italien und Spanien, die heute oft in einen Topf geworfen werden, bestehen Riesenunterschiede. Wer trotz aller Risiken und Unsicherheiten Staatspapiere in Europa kauft, sollte – jedenfalls im Hinblick auf die implizite Verschuldung – eher nach Italien als nach Spanien schauen.

Quelle: Fonds professionell, 12.07.2012