Deutsche Banken und Versicherer warnen EZB vor erneuter Zinssenkung 

Die Spitzen der deutschen Banken und Versicherungswirtschaft warnen die Europäische Notenbank vor einer weiteren Senkung des Leitzinses. Ihre unisone Begründung ist, dass noch niedrigere Zinsen keine Effekte auf das Wirtschaftswachstum haben werden, dafür aber die Altersvorsorge sehr erschweren.
Die heutige Leitzinsentscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) wirft ihre Schatten voraus. Die Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV) und des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) warnen in einer gemeinsamen Erklärung nachdrücklich vor einer weiteren Zinssenkung, da sie nicht für mehr Wirtschaftswachstum sorgen würden. Dagegen lasse jeder Zinsschritt nach unten den Anreiz für die Altersvorsorge weiter sinken, obwohl die Menschen heute mehr als bisher vorsorgen müssten, um ihren Lebensstandard im Alter zu sichern. Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, hält eine weitere Zinssenkung der EZB ebenfalls für nicht effektiv.

DSGV-Präsident Georg Fahrenschon sieht in einer weiteren Zinssenkung unkalkulierbare neue Risiken für die Euro-Zone: "Schon jetzt kommt das billige Geld nicht bei den Unternehmen an. Ein Zins von nahe Null zu noch näher an Null würde keinerlei positive Wirtschaftsimpulse auslösen, sondern die Probleme nur verschärfen. Es kommt darauf an, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass der Einstieg in ein normales Zinsniveau möglich wird. Die Sparer dürfen nicht dauerhaft ungefragt zu Solidarleistungen für Europa herangezogen werden.“

"Für die Finanzstabilität ausgesprochen schädlich"
Diese Sorge teilt auch BVR-Präsident Uwe Fröhlich: "Dauerhaft niedrige Zinsen sind für die Finanzstabilität ausgesprochen schädlich. Investitionen werden begünstigt, die auf Dauer nicht wirtschaftlich tragfähig sind. Außerdem wird das Ziel, die Kreditvergabe in den Ländern Südeuropas zu fördern, durch billigeres Geld der Notenbank nicht erreicht. Der erschwerte Kreditzugang in den Südländern ist nicht das Problem zu hoher Zinsen, sondern der hohen Kreditrisiken in Anbetracht der schwierigen Wirtschaftsverhältnisse. Eine gezielte Förderpolitik auf nationaler Ebene würde den Kreditzugang viel eher erleichtern.“

Fehlanreize und negative Folgen für die private Altersvorsorge
GDV-Präsident Alexander Erdland warnt vor Fehlanreizen und negativen Folgen für die private Altersvorsorge: "Allein 2012 verzeichneten die Lebensversicherer für ihre Kunden zinsbedingte Mindereinnahmen von vier Milliarden Euro. Dabei ist die Notwendigkeit privater Vorsorge ungebrochen; dies gilt vor allem für die jungen und mittleren Generationen, die sich aufgrund des demografischen Wandels weniger auf die gesetzliche Rente verlassen können als die Älteren." Erst 2012 hatte die OECD festgestellt, dass die Menschen in Deutschland deutlich mehr privat vorsorgen müssen als bisher, um starke Einkommenseinbußen im Alter zu verhindern.

Keine Auswirkungen auf die Liquidität
"Der Effekt auf die Refinanzierungsbedingungen der Banken und die Liquidität wäre sehr gering", sagte DIW-Chef Fratzscher in einem Interview mit dem Handelsblatt (Donnerstagausgabe). "Das Problem, dass die Geldpolitik viele Unternehmen in den Krisenländern nicht erreicht, liegt sicher nicht an zu hohen Zinsen, sondern an den Problemen der Banken und weiterhin hohen Risiken“, ergänzte der 42-jährige Wissenschaftler, der sich in seinen Forschungen vor allem auf die europäische Schuldenkrise kapriziert hat. Fratzscher ist zudem der Ansicht, dass eine Zinssenkung nicht nur als positives Signal verstanden werden könnte: "Märkte und Unternehmen könnten sie so interpretieren, dass die EZB sich weit größere Sorgen um die konjunkturelle Situation im Währungsgebiet macht als erwartet."

Quelle: Fonds professionell, 02.05.2013