Der Schweizer Franken und die Illusion der sicheren Spekulation 

Wäre es nicht toll. Eine Spekulation, die nur Chancen und keine Risiken hat. Gibt es nicht, denken Sie? Stimmt. Und seit gestern ist es auch denjenigen klar, die so schlau waren, daran zu glauben, mit der Währungsspekulation Euro gegen Schweizer Franken diese sichere Spekulation gefunden zu haben. Denn die Schweizer Nationalbank (SNB) garantierte rund zweieinhalb Jahre lang als Untergrenze für den Euro bzw. Obergrenze für den Franken einen Kurs von 1,20. Häufig notierte das Währungspaar genau oder nur knapp über dieser Schwelle, an der dann die SNB intervenierte und alles Angebot aufkaufte, um den Kurs des Euros nicht weiter fallen zu lassen. Wer hier Euro kaufte, hatte also vermeintlich kein Risiko. Denn tiefer als 1,20 konnte es nicht gehen. Doch würde sich die Eurozone erholen, dann wären natürlich Gewinne drin, denn gegen einen Anstieg des Euros hatten die Schweizer nichts. Kaufkraftparitätisch war der Franken bereits bei 1,20 überbewertet. Im deutschen Grenzgebiet zur Schweiz berichtete man seit Jahren vom Supermarkttourismus aus der Schweiz, weil bei diesem Kurs für den Schweizer Bürger der Einkauf in einem deutschen Rewe, Real, Aldi oder Lidl mal locker 20 Prozent günstiger war.

Kostolany lesen, hätte geholfen

In Heerscharen trieb es kleine wie große Spekulanten zu den Devisenbrokern, die es ihren Kunden erlaubten, teilweise mit gigantischen Hebeln von bis zu 400 diese Position einzugehen, also Euro gegen Schweizer Franken zu kaufen. Blind vertrauten sie darauf, dass die SNB den Kurs auf jeden Fall verteidigen werde. Was ihnen fehlte, war ganz offenbar die Erfahrung. Zum einen die Erfahrung, dass es die sichere Spekulation eben nicht gibt und zum anderen, dass fixe Devisenkurse auf Dauer noch nie gehalten haben. Keiner von Ihnen hat sich offenbar die Frage gestellt, warum das Britische Pfund in den 90er Jahren aus dem europäischen Währungssystem gesprengt wurde, oder das Goldstandardsystem, das auch feste Wechselkurse hatte, immer wieder aufgegeben wurde – zuletzt in den 70er Jahren mit dem Ende des Währungsabkommens von Bretton Woods. Und wenn das europäische Währungssystem auch lange hielt, immer wieder wurden Währungen darin auf- und abgewertet, unter dem Druck der Märkte, die die wirtschaftlichen Realitäten widerspiegelten. Für viele ist der 1999 verstorbene Börsenaltmeister Andre Kostolany ein Mann mit alten amüsanten Börsenanekdoten der Vergangenheit gewesen. Wer aber sein Ende der 80er Jahre erschienenes Buch „Und was macht der Dollar? Im Irrgarten der Währungsspekulation“ gelesen hat, wäre nicht im Traum darauf gekommen, sich auf die Euro-Franken-Spekulation einzulassen.

Die Nationalbank stand mit dem Rücken zur Wand

Die erneuten Fluchtgelder aus Griechenland, aber womöglich auch aus Russland, wie auch die Euroschwäche gegenüber dem US-Dollar zwangen die SNB zuletzt offenbar dazu, so gigantische Eurobeträge aufzukaufen, dass sie ihr Limit erreicht sah. Denn für jeden Euro, den sie kaufte, musste sie einen Schweizer Franken herausreichen, eben an die, die ihre Euros in Franken tauschen wollten. Wer im Franken sein möchte, der kann aber auch nur in der Schweiz sein Geld anlegen und die Volkswirtschaft ist im Vergleich zur Eurozone relativ klein. Schon in den vergangen Jahren hatten sich Land und Immobilien massiv verteuert. Am Ende hätte sich der mietende Schweizer wahrscheinlich keine Wohnung mehr leisten können. Mit anderen Worten, die Inflation wäre explodiert, und die Ausländer hätten alles aufgekauft. Nun wird die schweizer Exportindustrie es schwer haben. Für die SNB war es eine Wahl zwischen Pest und Cholera, als sie sich gestern entschied, den Kurs der von ihr behüteten Währung wieder frei zu geben. Sie tat es wohl auch, weil die Politik gerade begann darüber zu diskutieren, wie man den hübschen Gewinn der SNB von 38 Milliarden Franken verteilen könne. Dieser ist nun weg.

Doch es gibt noch mehr Verlierer. Mit Alpari ist der erste Devisenbroker bereits pleite, andere stehen mit dem Rücken zur Wand. Unter den Spekulanten gibt es ebenfalls dramatische Fälle. Bei den Brokern, die die Nachschusspflicht nicht ausgeschlossen haben, werden sie den Rest ihres Lebens ihre Schulden abzahlen, oder Privatinsolvenz beantragen. Allen anderen wird es hoffentlich eine Lehre sein, im Sinne dessen, dass es die sichere Spekulation eben nicht gibt.

16.01.2015