Der grosse Sprung? 

Seit Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping im Herbst 2013 seine Vision einer «Neuen Seidenstrasse» zur wirtschaftlichen und verkehrsseitigen Verflechtung von Asien, Afrika und Europa verkündet hat, blüht in vielen Ländern der Region die Phantasie. In besonderem Masse gilt dies für Bulgarien, das davon träumt, zu «Chinas Eingangstor zu Europa» zu werden.

Dem grossen Ziel, «Chinas Eingangstor in Europa» zu werden, scheint Bulgarien einen Schritt näher gekommen zu sein, haben doch das bulgarische Logistikunternehmen Despred und die staatliche chinesische Zhengzhou International Hub Development and Construction Company (ZIH) Anfang März eine Kooperationsvereinbarung unterzeichnet. Sie sieht den gemeinsamen Betrieb einer Eisenbahn- und Schiffsverbindung zwischen dem zentralchinesischen Zhengzhou und dem bulgarischen Schwarzmeerhafen Burgas vor.

Von Zhengzhou nach Burgas

Künftig sollen Gütertransporte von China auf der Schiene durch Kasachstan führen, per Fähre über das Kaspische Meer in die aserbaidschanische Hauptstadt Baku, von dort weiter mit dem Zug ins georgische Poti und schliesslich mit der Despred-Fähre Druschba (Freundschaft) nach Burgas. Hier sollen die Container auf einen Ganzzug nach Hamburg verladen werden. Die Route wird eine südliche Alternative zu den bestehenden trans-eurasischen Eisenbahnverbindungen von Suzhou nach Warschau und Zhengzhou nach Hamburg bieten. Wie diese wird sie für den Gütertransport im Vergleich zum traditionellen Seeweg etwas teurer, dafür aber beträchtlich schneller sein.

Konkrete Fragen sind allerdings laut Vasia Tsvetkova von Despred noch offen: «Wir haben einen Vorvertrag unterzeichnet und können noch keine konkreten Angaben machen, wann die Linie tatsächlich in Betrieb gehen und über welche jährliche Transportkapazität sie verfügen wird», teilte sie auf Anfrage des ITJ mit. Die im Besitz der Sofioter CSIF Holding befindliche Despred betreibt bereits eine Fährlinie zwischen den Schwarzmeerhäfen Burgas–West und Poti.

Chinas «Neue Seidenstrasse»-Initiative, auch mit dem Slogan «One belt, one road» («ein Gürtel, eine Strasse») propagiert, ist kein klar umrissenes Projekt zur Revitalisierung der einst so bedeutsamen traditionellen Seidenstrasse. Stattdessen handelt es sich um Chinas komplexe aussen- und wirtschaftspolitische Expansionsstrategie, in deren Rahmen Investitionen in Verkehrsprojekte in fremden Ländern ebenso möglich sind wie Übernahmen ausländischer Unternehmen.

China hat zur Finanzierung nicht nur seinen «Silk Road Fund» mit 40 Mrd. USD aufgelegt, sondern mit einer Vielzahl von internationalen Partnerstaaten, darunter auch der Schweiz, die mit einem Kapital von 100 Mrd. USD ausgestattete «Asian Infrastructure Investment Bank» gegründet.

Stationen auf der Route

Unter dem «Gürtel» des „Neuen Seidenstrassen»-Projekts kann die wirtschaftliche und verkehrstechnische Entwicklung der Länder entlang der traditionellen Seidenstrasse durch Zentralasien und den Nahen Osten nach Europa verstanden werden. Mit der «Strasse» ist eine weiter nach Südostasien ausgreifende «maritime Seidenstrasse» gemeint.

Die Anfang März zwischen Bulgarien und China vereinbarte Linie Zheng-zhou–Burgas ist eines der ersten konkreten «Gürtelprojekte». Zu seiner Vorbereitung hat sich eine chinesische Expertendelegation im vergangenen Februar über die technische Leistungsfähigkeit der beiden bulgarischen Schwarzmeerhäfen Varna und Burgas informiert. Dass schliesslich Burgas den Zuschlag erhalten hat, künftig als Ankunftsort der neuen Schienen- und Seeverbindung zu dienen, wird im nördlicher gelegenen Warna als empfindliche Niederlage im internen Konkurrenzkampf der beiden bulgarischen Schwarzmeerstädte gewertet.

Neben Burgas strebt auch Bulgariens zweitgrösste Stadt Plovdiv eine Brückenfunktion an. Am Rande des dortigen Industriegebiets Thrakia hat die chinesische Hainan Longquanren Century Invest and Development im vergangenen Herbst mit der Entwicklung eines Industrie- und Logistikparks speziell für chinesische Unternehmen begonnen. Von der sogenannten «Euro-Chinesischen Zone für wirtschaftliche Entwicklung» werden zusätzliche Impulse für den Wirtschaftsaustausch zwischen China und die Europäische Union erwartet.

Quelle: König & Cie, 13.04.2016