Das Vertrauen in die Krisenwährung Gold ist angekratzt 

Goldanleger haben seit Jahresbeginn hohe Verluste gemacht, meint Ulrich Stephan. Der Chef-Anlagestratege für Privat- und Geschäftskunden bei der Deutschen Bank erklärt die Ursachen und zeigt Alternativen im Rohstoffsektor auf.

Frage: Der Goldpreis ist im April kräftig eingebrochen. Was ist los an den Märkten?

Ulrich Stephan: In der Tat, Gold hat den stärksten Kurseinbruch seit Jahrzehnten erlebt. Mit einem Minus von 9,1 Prozent war der 15. April einer der fünf schlechtesten Handelstage seit 1971. Gold liegt jetzt rund 25 Prozent unter seinem Allzeithoch von gut 1.900 US-Dollar pro Feinunze. Das konjunkturelle Umfeld spricht seit einiger Zeit immer stärker gegen Gold. Die Weltwirtschaft erholt sich allmählich: Für die USA erwarte ich ein BIP-Wachstum von 2,3 Prozent in diesem Jahr, Tendenz weiter steigend. Damit sollten auch die Kapitalmarktzinsen anziehen, die Inflation dürfte dennoch niedrig bleiben. Hierdurch steigt die Attraktivität alternativer Anlagen im konservativen Spektrum und Gold wird mit Blick auf Gewinne in anderen Anlageklassen merklich unattraktiver. Zudem könnte ein struktureller Aufwärtstrend des US-Dollar für Gegenwind sorgen.

Frage: Sind allein strukturelle Gründe für den Absturz verantwortlich?

Stephan: Nein, es kommen weitere taktische Ursachen hinzu. So wurde am Goldmarkt spekuliert, die zyprische Zentralbank könnte die Goldreserven des Landes verkaufen, um das bestehende Finanzierungsloch zu verkleinern. Zwar besitzt Zypern nur 13,9 Tonnen Gold, es wurde aber befürchtet, dass weitere Peripheriestaaten nachziehen könnten – und da geht es dann um ganz andere Mengen. Italien beispielsweise hat Goldreserven von fast 2.500 Tonnen, damit ist das Land der weltweit viertgrößte Goldbesitzer nach dem Internationalen Währungsfonds, Deutschland und den USA.

Frage: Wer hat in den letzten Wochen Gold verkauft?

Stephan: Vor allem der weltweit größte physisch besicherte Goldfonds „SPDR Gold Shares ETF“ hatte erhebliche Mittelabflüsse zu verzeichnen. Mitte April haben Anleger in einer Woche rund 68 Tonnen Gold aus diesem Fonds abgezogen. Verstärkt wurde der Preisverfall dadurch, dass der Goldkurs wichtige Unterstützungslinien – zum Beispiel bei 1.500 und 1.400 US-Dollar – durchbrochen hat, was wiederum automatische Verkaufsaufträge auslöste.

Frage: Ist Gold auf dem aktuellen Preisniveau wieder attraktiv?

Stephan: Aus meiner Sicht ist das Vertrauen in Gold als Krisen- oder Fluchtwährung angekratzt. Zusammen mit der erwarteten weltweiten Konjunkturbelebung sollte dies das Aufwärtspotenzial für den Goldpreis begrenzen. Mittel- bis langfristig könnten wir erleben, dass sich der Preis leicht über den Grenzkosten der Produktion einpendelt, die zurzeit bei rund 1.300 US-Dollar liegen. Private Anleger können Gold wie bisher als Beimischung zu einem gut diversifizierten Depot halten, von einer Übergewichtung oder massiven Zukäufen auf dem jetzigen Niveau rate ich jedoch ab.

Frage: Welche Alternativen empfehlen Sie?

Stephan: Derzeit betrachte ich den Rohstoffsektor mit Vorsicht. Wenn sich die globale politische und konjunkturelle Lage schrittweise stabilisiert, sollte dies jedoch insbesondere Kurspotenzial für industriell genutzte Edelmetalle wie Platin und Palladium bedeuten. Auch diese leiden zwar unter der schwachen Entwicklung des Rohstoffsektors, vor allem das gestiegene Umweltbewusstsein in China könnte aber zu langfristig höheren Notierungen führen. So ist der Autoverkehr für rund 20 Prozent der chinesischen Feinstaubbelastung verantwortlich. Schärfere Grenzwerte in China dürften bewirken, dass mehr Palladium für den Bau von Katalysatoren benötigt wird und sich der Preis damit verteuert.

Quelle: Das Investment, 30.04.2013