„China hat so viele potenzielle Konsumenten wie kein anderes Land“ 

Immer mehr Menschen in den Schwellenländern können sich immer mehr leisten. Der Kaufschwung in der neuen Welt bietet auch Investoren enorme Aufstiegschancen

Erstaunlich, wie günstig die Schuhe hier sind, wundert sich Thomas Gerhardt, als er bei einer seiner vielen Reisen an den Auslagen in Rio vorbeiläuft. Ein Paar Turnschuhe kosten gerade einmal 20 Real. „Bis mir dann aufgefallen ist, dass dort monatliche Zahlungsraten ausgewiesen werden“, so der Spezialist für Emerging Markets von Edmond de Rothschild Asset Management lachend.

Schuhe auf Raten, zinslos. In Deutschland wäre so etwas undenkbar, in Brasilien ist es inzwischen Alltag. Auch wer wenig Einkommen hat, kann sich so nicht nur Schuhe, sondern auch Kühlschrank, Kaffeemaschine oder Couchtisch leisten.

Seit 18 Jahren ist Gerhardt in den Schwellenländern unterwegs, 17 Jahre davon für Deutschlands Branchenprimus DWS. Erst im September 2011 wechselte er zu den Franzosen. Gerhardt: „Bis vor sechs Jahren gab es so etwas wie Konsumkredite in den Emerging Markets überhaupt noch nicht.“

Ein riesiges Heer von Konsumenten wächst in der Neuen Welt heran. Ur-Trend des Kaufschwungs ist der demografische Wandel. Er ist sozusagen die Mutter aller vollen Einkaufstüten.

Die Fakten: Rund 80 Millionen Menschen kommen jedes Jahr auf die Welt. Nach Berechnungen der Vereinten Nationen (UN) wird die Bevölkerung bis 2025 von derzeit 7 Milliarden auf über 8 Milliarden Menschen wachsen. 97 Prozent dieses Wachstums wird in den Schwellenländern stattfinden.

Sie alle wollen essen und trinken. Immer mehr Menschen ziehen zudem vom Land in die Stadt, weil sie dort mehr Geld verdienen. In China leben in diesem Jahr zum ersten Mal mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land – insgesamt 675 Millionen (51,3 Prozent). Bis 2020 werden es 60 Prozent sein. 1980 ackerten noch 80 Prozent aller Chinesen auf dem Land.

Die Mittelschicht wächst rasant. Gab es 2000 gerade einmal 200 Millionen Menschen in den Bric-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China, die man zur Mittelschicht zählte, waren es 2010 bereits 800 Millionen. Bis 2020 werden es 1,6 Milliarden Menschen sein, schätzen die Analysten des McKinsey Global Institute. In nicht einmal zehn Jahren wird jedes zweite Mitglied der Mittelschicht in der Asien-Pazifik-Region wohnen.

Mit steigendem Einkommen nimmt auch der Pro-Kopf-Konsum von Proteinen und Pflanzenöl zu. Die neue Mitte, allen voran in China und Indien, will Fleisch und Milchprodukte essen, Kaffee trinken und Auto fahren. Und sie hat genug Geld für Vergnügungen wie Restaurants, Reisen, Glücksspiel und Luxusartikel wie Uhren, schicke Klamotten und Schmuck.

Laut McKinsey geben bereits heute 2 Milliarden Menschen in den Schwellenländern 6,9 Billionen Dollar pro Jahr für Konsum aus. In zehn Jahren werden es 20 Billionen Dollar pro Jahr sein und damit doppelt so viel wie derzeit in den USA.

Schon jetzt ist der Kaufrausch auch hierzulande zu spüren. „Die Familie Rothschild ist bekannt für ihre guten Rotweine. Inzwischen ist die Nachfrage aus China so hoch, dass es schwierig wird, die alte Stammkundschaft zu beliefern“, erzählt Gerhardt, und weiter: „In Deutschland gibt es inzwischen vor allem bei Geländewagen Lieferzeiten von bis zu einem Jahr, weil erst einmal die Nachfrage aus den Emerging Markets bedient werden muss."

Neu ist der Konsumtrend nicht. Aber erst in der abgelaufenen Dekade ist er so dominant geworden, dass ihn wirklich niemand mehr übersehen kann. Die ersten auf Schwellenländer konzentrierten Konsumfonds kamen 2008 auf den Markt, der Invesco Asia Consumer Demand und der Nordea Emerging Consumer.

Ausschließlich auf China beschränkt sich Raymond Ma, Manager des Fidelity China Consumer Funds. „Mit 1,3 Milliarden Menschen leben in China so viele potenzielle Konsumenten wie in keinem anderen Land der Welt“, so Ma, und weiter: „Derzeit werden nur etwa 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Konsum ausgegeben, in den USA sind es rund 70 Prozent. Diese Lücke wird sich in den kommenden zehn Jahren schließen.“

Vor allem der Konsum höherwertiger Produkte werde aufgrund des stark steigenden Pro-Kopf-Einkommens zunehmen. Ma: „Laut einer Prognose des chinesischen Ministeriums für Arbeit und soziale Sicherheit wird sich der Durchschnittslohn in China innerhalb der kommenden vier Jahre verdoppeln.“

Konkret: Immer mehr Chinesen kaufen erstmalig langlebige Güter wie Handys, Fernseher und Autos. Hatten 1985 erst vier Millionen Haushalte einen Kühlschrank, waren es 2010 bereits 275 Millionen. „Und 2020 werden es fast noch einmal doppelt so viele sein“, sagt Ma.

„Hierzulande kaufen wir uns ein neues Auto, einen neuen Laptop oder einen neuen Esstisch“, so Fondsmanager Thierry Misamer von Frankfurt-Trust. In den Schwellenländern kaufe man das erste Auto, den ersten Laptop und den ersten Esstisch. „Wir ersetzen, sie schaffen an.“

Der Dringlichkeitsgrad sei ein ganz anderer. „Wenn meine Tochter irgendwann zu Hause auszieht, dann nimmt sie vielleicht den zweiten Kühlschrank aus dem Keller mit und findet dort auch noch einen Toaster und ein ausrangiertes Ikea-Regal. Fernseher, Telefon und Computer hat sie bis dahin sowieso schon in ihrem Zimmer“, so Misamer.

In den Schwellenländern sei das vielerorts ganz anders. „Ein Auszug ist gleichbedeutend mit einem immensen Konsumbedarf.“ Die Kaufbedürfnisse entsprechen dem Entwicklungsstand der einzelnen Schwellenländer. Je höher das Einkommen, desto niedriger ist der Anteil, der für Essen und Trinken ausgegeben wird.

„Auf den Philippinen werden knapp 50 Prozent des Einkommens für Lebensmittel ausgegeben, in Südkorea nicht mal ein Viertel“, erklärt Misamers Kollege Tilo Wannow. „Und in Russland geht die Nachfrage nach Basiskonsumgütern real sogar zurück, während Luxusartikel boomen.“

Nur die Marke zählt

Bei der Titelauswahl zählt für alle Fondsmanager vor allem eines: die Kraft der Marke. Natürlich sollten die Unternehmen auch attraktiv bewertet sein und einen hohen Cashflow haben. Finanzielle Kennzahlen wie Kurs-Gewinn-Verhältnis, Kurs-Buchwert-Verhältnis oder die Nachhaltigkeit von Umsatz- und Gewinnwachstum werden von allen geprüft.

Doch: „Die größte Loyalität eines Konsumenten kommt immer aus der Marke“, so Invesco-Manager Yuen. „Wir wollen Firmen, die wir verstehen und die sich und ihre Produkte weiterentwickeln, um den Konsumenten zu begeistern.“

Grundsätzlich gilt: Bei den Produkten des täglichen Lebens wie Grundnahrungsmitteln und Gebrauchsgegenständen werden heimische Produkte bevorzugt. Luxusgüter kommen indes meist von internationalen Firmen.

In Brasilien etwa werden Kosmetikartikel vor allem von der lokalen Marke Natura gekauft. Truworths International ist die größte Bekleidungskette Südafrikas und so verbreitet wie bei uns H&M. Mit einer Gesamtkapitalrendite von rund 40 Prozent ist die Firma äußerst profitabel.

Sport, Spaß und Statussymbole

Die Chinesen wiederum lieben Sportartikel von Anta. Der Konzern hat seinen Umsatz zwischen 2006 und 2011 mal eben versechsfacht und den US-Basketballstar Kevin Garnett als Werbeträger verpflichtet. Von Adidas bekam der 2,11- Meter-Mann 2 Millionen Dollar pro Jahr, Anta Sports soll mindestens noch eine Million obendrauf gepackt haben.

Aber auch internationale Großkonzerne drängen in den Markt: So verkauft SAB Miller in Russland, Südafrika und China scheinbar lokale Biersorten, und Procter & Gamble bietet unter eigenem Namen speziell für die Region entwickelte Produkte an.

Adidas indes setzt auf den Kult um die Statussymbole der entwickelten Welt und verkauft die gleichen Produkte unter gleichem Namen auch in den Schwellenländern. British American Tobacco, eines der Unternehmen mit dem weltweit stärksten Cashflow, erwirtschaftet bereits über 50 Prozent seines Umsatzes in den Schwellenländern.

„Ein wirklicher Liebling ist Colgate, der globale Marktführer im Bereich Mundhygiene“, so Misamer von Frankfurt-Trust. Das Unternehmen habe sich frühzeitig in den Schwellenländern positioniert. Inzwischen gehe es so weit, dass der Begriff „colgate“ ähnlich wie hierzulande „Tempo“ oder „Pampers“ als Deonym verwendet werde. „To colgate bedeutet, sich die Zähne zu putzen“, erklärt Misamer.

Über 100 Börsengänge pro Jahr

Insgesamt ist das Segment an der Börse recht überschaubar. „Wir haben ein Anlageuniversum von knapp 300 Werten“, sagt Misamers Co-Manager Wannow. Doch es wächst rasant. „Allein in China gibt es jedes Jahr mehr als 100 Börsengänge in verbraucherrelevanten Sektoren“, so Fidelity-Mann Ma.

Und die Unternehmen legten eine schnelle „Generationsdynamik“ an den Tag. Viele hätten noch vor zehn Jahren eine Marktkapitalisierung von weniger als 500 Millionen Dollar gehabt. Ma: „Heute sind sie 2 bis 3 Milliarden Dollar wert.“

Alles schon eingepreist?

Oder ist der Konsumtrend schon längst in den Aktienkursen eingepreist? „Vielleicht zum Teil in China“, sagt Nordea-Manager Leon Svejgaard Pedersen, bekräftigt aber: „Auf keinen Fall an den Börsen in Indien, Malaysia und in den Next-11-Ländern Bangladesh, Ägypten, Indonesien, Iran, Mexiko, Nigeria, Pakistan, Philippinen, Südkorea, Türkei und Vietnam.“

Und welche Gefahren drohen der Branche durch steigende Inflationsraten und sinkende Exporte? Pedersen: „Inflation ist nur negativ, wenn die Löhne nicht folgen.“ Dies hätten Letztere bis jetzt getan. Zudem scheine die Inflation unter Kontrolle zu sein. Und die aufgrund der Schuldenkrise in Europa und den USA sinkenden Exporte würden durch die steigende Binnennachfrage ausgeglichen.

Hinzu komme, dass die Börsen der Schwellenländer vergangenes Jahr denen der Industriestaaten deutlich hinterherhinkten. Zu Unrecht, schließlich wohnt das Wachstum in den Emerging Markets, nicht im hoch verschuldeten Westen.

„Der Einstiegszeitpunkt ist exzellent“, ist Rothschild-Manager Gerhardt überzeugt: „Im Schnitt haben die Firmen aus dem Konsumsektor, lässt man den Bereich Ernährung außen vor, ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 13 bei einem Gewinnwachstum von 20 bis 25 Prozent pro Jahr. Das ist günstig.“

Quelle: Das Investment, 07.03.2012