Börse 2015: Auf und nieder, immer wieder 

Wer den Börsen mit Mathematik und Wissenschaft beikommen will, steht auf verlorenem Posten – für diese Erkenntnis reichen schon die ersten Handelstage des neuen Jahres. DER-FONDS-Chefredakteur Egon Wachtendorf rät dennoch, zumindest eine mehrheitsfähige Prognose für 2015 auf dem Zettel zu haben.

„An der Börse ist alles möglich, auch das Gegenteil.“ Besser als im Bonmot von Altmeister André Kostolany lässt sich kaum in Worte fassen, dass jeder, der den Aktienmärkten mit Mathematik und wissenschaftlichen Methoden beikommen will, auf verlorenem Posten steht. Zumal sich nahezu jedes Ereignis von der einen wie von der anderen Seite betrachten lässt. Griechenland raus aus der Eurozone? Hilfe, die Krise kehrt zurück, so die Reaktion vom Montag. Was soll schon groß passieren? Die Ansteckungsgefahr für andere Länder ist gebannt, und die Europäische Zentralbank hält die Märkte mit ihren Maßnahmen bei Laune, so der Tenor am Donnerstag.

Ähnlich verhält es sich mit dem Ölpreis. Die einen sehen dessen Absturz von 50 Prozent innerhalb weniger Monate als unverhofftes Konjunkturprogramm, die anderen fürchten eine Abwärtsspirale mit schwacher Nachfrage und sinkenden Preisen – Endstation Deflation. Ganz abgesehen von dem Streit, wie sich diese am besten bekämpfen lässt: Durch direkte Geldgeschenke an die Bürger, wie es Citigroup-Chefökonom Willem Buiter fordert? Oder wäre das der berühmte Schlag zu viel auf die Ketchup-Flasche der Inflation, der das ganze System außer Kontrolle geraten lässt?

Vor diesem Hintergrund Anlageentscheidungen für das Jahr 2015 zu treffen, fällt wahrlich nicht leicht – zumal weitere Belastungsfaktoren wie die Ukraine-Krise oder der islamistische Terror dazukommen. Mit am besten dürfte vermutlich fahren, wer zum Start allzu plausibel klingenden und stromlinienförmigen Prognosen misstraut, auf einen breiten Mix verschiedenster Märkte setzt und jederzeit handlungsfähig bleibt.

Letzteres könnte vor allem deshalb wichtig werden, weil eine in vielen Prognosen geäußerte Erwartung durchaus eintreten könnte: Die Volatilität an den Märkten wird steigen. Nicht, weil die Mehrheit der Analysten das so erwartet. Sondern weil die Wahrnehmung momentan eine ganz andere ist. Wer glaubt, dass wir in den vergangenen Monaten bereits bewegte Börsen hatten, sollte einmal einen Blick auf langfristige Volatilitäts-Indizes wie den V-Dax werfen. Die Entwicklung seit 1992 zeigt: Da geht noch einiges mehr.

Quelle: Das Investment, 12.01.2015